Die Decke der
Stadtirche ist ein durch ein Hängewerk gehaltenes
Scheingewölbe. Das war beim Bau der Kirche schon so angelegt worden.
Geschaffen wurde sie als gotisches Netzgewölbe aus Holz und
dabei blau und schwarz-braun bemalt und reich vergoldet.
Die Schnittpunkte
der Rippen sind in der heutigen Kirche mit Darstellungen aus dem
christlichen Glaubenskontext geschmückt. Bild: Ausschnitt
(6)
Dies war aber nicht
immer so.
An den Schnittpunkten des prächtigen
Netzrippengewölbes hatte der Herzog 141 Wappen befreundeter Fürstenhäuser,
sowie von Klöstern und Städten des Herzogtums,
vom Kalkschneider Gerhard Schmidt aus Braunschweig anbringen lassen. Um sein eigenens,
im Schnittpunkt stehendes Hauswappen, wurden vor allem die Wappen
verwandter und benachbarter Fürstenhäuser plaziert und dann jene von Klöstern, Städten
und Marktflecken seines Herzogtums.
H. Decker-Hauff (2, Seite35)
hat die Wappen und ihre Anordnung nach demStand von 1888 einzeln benannt und auch ihr
"Verschwinden" ausführlich beschrieben. (U.a. Bild rechts)
Welchen Eindruck diese
ursprüngliche Deckengestaltung auf die Kirchgänger gemacht hat und welche
Sinndeutung dahinter steht, bleibt bis heute diskussionswürdig.
Allgemein wird davon ausgegangen, dass die
Wappendarstellung die territoriale Herrschaft des Herzogs repräsentieren
sollte.

Leider ist von den Originalwappen nichts erhalten geblieben.
Wir können uns nur
deshalb ein Teilbild davon machen, weil in der Beschreibung von E. Paulus
(3, Seite 90 ff) noch ein paar wenige abgebildet
wurden.
Inzwischen müssen wir auch davon ausgehen, dass sich die
Wappen bis auf die heutige Zeit verändert haben und dass sich nur bei
wenigen das
"Grundmotiv" erhalten hat. Dies ergibt sich durch den Vergleich der bei
Paulus abgebildeten mit den heutigen Wappen.
Trotzdem lohnt es sich, mit den heutigen Wappen die damaligen Deckengestaltung nachzubauen
um einen Gesamteindruck zu erhalten.
Das Ergebnis ist links
abgebildet.
Einige Wappenplätze mussten dabei leer bleiben, weil zu den
benannten "Herrschaften" keine Wappen überliefert sind (122=Franquemont, 123=Grange, 124=Valognes, 127=Saulnot,
128=Clemont, 130=Passavant) - diese Herrschaften liegen alle im Bereich von Mömpelgard!
Bei anderen hat
sich das Wappenmotiv so sehr verändert, dass ich mich gezwungen sah, die von Paulus
überlieferten "alten" Abbildungen zu übernehmen. Siehe dazu die Positionen 6=Horrheim, 14=Rechentshofen, 56=St.Georgen, 68=Offenhausen, 98=Lauffen, 112=Horburg, 115=Neu-Steußlingen, 116=Reichenweier
und 118=Neuenstadt a. Kocher. Am meisten sind die
sog.
Klosterwappen davon betroffen.
Die Gesamtliste aller 141 Wappen in heutiger - und
wenn vorhanden in alter - Darstellung habe ich in einem Word- und pdf-Dokument
zusammengefasst, das
hier
angefordert werden kann.
Zur Interpretation der Wappendecke
H. Decker-Hauff machte auf zwei unterschiedlichen Gruppen der
Wappen aufmerksam:
In der "Kerngruppe" (linkes
Bild) um das herzogliche Wappen
herum, das allein schon durch seine Größe herausragt, gruppierten sich die
Wappen der fürstlichen Häuser.
Entweder wiesen sie auf einen
genealogischen, familiären Zusammenhang hin (was nicht immer zweifelsfrei
feststand) oder sie standen für eine
politische Zusammenarbeit mit Württemberg. Möglicherweise wurden aber auch
Wappen herangezogen, die nur "besuchte" Länder oder Städte repräsentierten.
So wird das Wappen Friedrichs umgeben von 51=Bayern, 52=Österreich,
53=Bitsch, 58=Mecklenburg, 59=Pommern, 63=Portugal, 74=Sachsen, 76=Polen,
77=Hessen, 80=Mailand und 83=Mömpelgard. Nur 2=Aragon wurde weiter entfernt
plaziert.
G. Hertel (1 und 5, Seite 82)
behauptete, dass das Wappen von Hessen gefehlt hätte, weil Friedrich
wegen seiner unglücklichen Kindheit die mütterliche Abstammung übergangen
habe. Dies ist aber durch das Wappen Nr.77 - unterhalb des zentralen Wappens
-
widerlegt. (Siehe rechtes Bild).
In der zweiten Gruppe, um den
Kern herum, wurden die Wappen der Klöster (auch aufgelöste), Klosterverwaltungen
und Klosterämter hinzugefügt.
Dies
betrifft die Wappen mit den Nummern 14=Rechentshofen, 30=Belchamp,
45=Adelberg, 50=Weiler, 56=St.Georgen, 57=Lichtenstern, 60=Bebenhausen,
64=Alpirsbach, 66=Maulbronn, 67=Murrhardt, 68=Offenhausen, 69=Denkendorf,
70=Zwiefalten, 71=(Kloster-)Reichenbach, 72=Hirsau, 73=Königsbronn,
75=Pfullingen, 81=Reutin, 82=Blaubeuren, 88=Lorch, 92=Anhausen,
94=Steinheim, 95=Merklingen, 106=Derdingen (doppelt benannt mit 125 - siehe
links die grünen Pfeile)
und129=Kirchheim.
Die restlichen Lücken wurden mit den Wappen der Amtsstädte,
Städte und auch von kleinsten "Weiler" geschlossen. Hinzu kamen auch noch
die Wappen
"vereinzelnter Herrschaften" (vor allem in Mömpelgard).
Besonders
auffällig war die Aufnahme des Rottweiler Wappens=Nr.3. Siehe
rechts den roten Pfeil! Rottweil war ja zu
Friedrichs Zeiten eine freie Reichsstadt. Trotzdem prangte das Stadtwappen
an der Freudenstädter Kirchendecke. Da aber auch in Rottweil im Rathaus das
Freudenstädter Wappen auftauchte, vermutete Decker-Hauff einen
freundschaftlichen Austausch der Wappen zwischen beiden Städten.
Die
Überfülle der Wappen in der Freudenstädter Stadtkirche war sicher
einzigartig. Trotzdem gab es zu dem Gedanken, Wappendecken in (an) Kirchen
anzubringen,
"Vorbilder" für Herzog Friedrich. Ein Vorläufer fand man in der Stuttgarter
Schlosskirche, die Herzog Christoph begonnen hatte.
Decker-Hauff machte auch
auf andere Renaissancekirchen und vor allem auf das "Vorbild" der
Wiener-Neustädter Wappenwand aufmerksam. Diese befindet sich allerdings auf
der Außenwand des Gebäudes. Siehe Bild (Wikipedia).
Er sah in der...
..."Hoch- und
Überbewertung des Einzelmenschen, auch wenn es zunächst der Fürst ist.."
dessen "Individualismus" die "Wurzel der Freudenstädter Decke".
Hier werde...
... "erstmals der Versuch gemacht, den
Herrschaftsanspruch eines Landesherrn in der heraldischen Sprache anzumelden
und gleichzeitig wird hier erstmals ein ganzes Land nicht in einem
Länderwappen versinnbildlicht, sondern durch die Fülle der Wappen seiner
kleinen Herrschaftsbezirke." (Seite 40)
Auf der anderen Seite
wird aber auch deutlich, wie zersplittert und kleinteilig der
Herrschaftsbereich des Herzogs war.
Der Kirchgänger sieht aber nur
die "Fülle" aller Wappen und den Herzog "mittendrin", eben als den "Mann von
Welt", als der er gerne angesehen werden wollte.
Nicht umsonst stellt ihn
sein Hauswappen als Träger zweier Orden dar. Siehe den Beitrag
3_2: Ritter
vom Hosenbandorden.
Dem Kirchgänger wurde so
demonstriert, zu wem er aufzublicken hat und welche Person im "Mittelpunkt"
der Herrschaft steht: Der Blick nach oben führt immer zu Herzog Friedrich
und nicht etwa zu einem Symbol oder Bild von Gott oder Christus.
Deshalb hatte auch Pfarrer Veringer in seiner Abschiedspredigt
(4 - Siehe Bild links und unten)
zur Einweihung der Kirche 1608 große Probleme, dem Ganzen eine "christliche
Versinnbildlichung" zu verleihen:
"Wir
wollen aber noch nicht nachlassen / sondern unsere Augen auch erheben
gegen dem hohen und kunstreichen Gewelb / welches dann mit vielen schönen
Wappen gleichsam als der aufgespannte Himmel mit Sternen gezieret ist. / In
der Mitten steht das Fürstliche Wappen gleichsam als die Sonn / die Tugendt
stehet in der Mitten / und von dem König Saul stehet / 1. Sam. am 10.
Capitel, daß er unter das Volk getretten / sey er eines Hauptes länger
geweßt / dann alles Volk / also übertrifft auch dieses Fürstliche Wappen mit
seiner schöne und grösse /
die
anderen alle / welche hernach folgen. Gleich wie aber die liebe Sonn
gezieret ist mit schönen Streimen und Stralen / die von der Sonnen außgehen
/ Also ist das Fürstliche Wappen derjenigen Königen / Fürsten und Graven /
welche sich mit dem Hauß Württemberg befreundet und verschwägert / und
demselbigen ein sonderliche Zier geben. Auff dise Fürstliche Wappen / sind
gesetzt die Wappen der Clöster im ...
...Land / welche dann das
Geistliche Kirchen Regimant bedeuten.
Endlich aber folgen auch auff
beiden Seiten hernach die Wappen der Stätt und fürnembsten Märckte in disem
hochlöblichen Hertzogthum Württemberg / welche gleichsam das Hauß Regiment
und ein Ehrsame Landtschaft repraesentieren und bedeuten / und neben ihrem
Haupt / als in einer SchlachtOrdnung daher ziehen / ihren Obersten
beschützen und beschirmen / und zu verstehen geben / daß sie Gut und Blut
demselbigen wöllen zusetzen."
Die Zusammenfassung macht
es überdeutlich: In der Mitte steht der Fürst, repräsentiert durch sein
Wappen. Er ist die "Sonne" am Himmel - umgeben von "Sternen". Die anderen dienen ihm zur
Zier, er ist das Haupt, dem Gut und Blut gehören. Wie König Saul sein Volk
überragt, so übertrifft auch der Herzog das seine. - Mehr "Huldigung" - von
der Kanzel herab - ist kaum vorstellbar!
So diente die Wappendecke
der Kirche in erster Linie der "Selbstdarstellung" von Herzog Friedrich und
demonstrierte, wie er sich in der Rangfolge gleich nach Gott gesetzt sah,
als ein Fürst (ganz im Sinne von Bodin - Siehe Beitrag
5_2: Das innere
Konzept), der niemandem Rechenschaft schuldig ist und der seine
Gesetze selber macht.
Die Wappendecke steht im Einklang mit den anderen
prahlerischen Selbstdarstellungen von Herzog Friedrich ( u.a. beim Auftreten
in England und beim Reichstag zu Regensburg), die schon seine Zeitgenossen
"angeprangert" haben.
Im Jahr 1604, drei Jahre
nach der Grundsteinlegung, wurde mit der Arbeit an der Decke begonnen und
1607 /1608 abgeschlossen. Schon bald traten erste Schäden auf. 1619 wurde
berichtet, dass das Gewölbe durch Regen beschädigt worden sei, weil das Dach
nicht richtig wasserfest gemacht worden war.
Im Sommer 1654 habe dann ein
Blitz eine Turm getroffen. Dieser habe nicht nur 100 Zentner Steine
herausgeschlagen sondern auch verschiedene Wappen zestört.
Erst 1669
wurden danach größere Ausbesserungen am Wappendach vorgenommen. Bei
Erneuerungsarbeiten 1716 wurde höchstwahrscheinlich das Ludwigsburger Wappen
neu eingesetzt. Ludwigsburg wurde ja erst 1705 begründet.
Erneute Bedohungen traten 1723 durch Bodensenkungen ein. Vor
allem der Orgelbereich war gefährdet.
1771/1772 wurde wieder am Gewölbe
gearbeitet, so auch 1830,1848 und 1893. Dabei wurden 23 Wappen ausgebessert.
Um 1900 strahlte die Wappendecke offensichtlich wieder in vollem Glanz und
zog zahlreiche Besucher an. (Alle Angaben nach Decker-Hauff,
2).
Bei der verheerenden
Brandkatastrophe kurz vor Kriegsende wurde 1945 der Innenraum der Kirche und
damit auch das Wappen-Gewölbe völlig zerstört.
Das neu geschaffene Gewölbe
wurde beim Wiederaufbau diesmal mit "christlichen Symbolen" versehen.
Es wurde
vom Bildhauer Hans Ludwig Pfeiffer gestaltet, der auch den Chor der
Engel fertigte.
Den Wiederaufbau von 1947 bis 1950 leitete Paul Heim jun.
(1905–1988) zusammen mit Baurat Köber vom Staatlichen Hochbauamt Pforzheim.
Der Innenraum wurde in schlichteren Formen gestaltet, die Struktur der
„Gewölberippen“ vereinfacht und die Decke höher und flacher angelegt.
Bemalt wurden sie von Paul Kälberer unter Mitwirkung des Freudenstädter
Malermeisters Peter Großbach.
Paul Kälberer und Hans Ludwig Pfeiffer
waren Lehrer und Leiter der bedeutenden Bernsteinschule im „Hofgut
Bernstein“, nahe Sulz, die nach dem Krieg zunächst die Aufgaben einer
Kunstakademie in Württemberg wahrnahm.
(6)
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können im größeren Format aufgerufen werden: RECHTE MAUSTASTE - Im neuen Tab
öffen!
Wappenliste
Wenn Sie die numerierte Gesamtliste aller Wappen in goßem Fomat (über 20 Seiten) haben wollen,
dann senden Sie mir Ihre Emailadresse! Die Bilder und Texte dazu stammen
größtenteils von Wikipedia.
Quellen:
1.
Gerhard Hertel: Erlebnisse, Ansichten, Einsichten
Aus 80 Jahren, Geiger-Verlag, Horb 2006
2.
Hansmartin Decker-Hauff: Von der ehemaligen
Wappendecke der Stadtkirche Freudenstadt - in:
Freudenstädter Beiträge Zur
geschichtlichen Landeskunde zwischen Neckar, Murg und Kinzig:Herzog
Friedrichs Freudenstadt im ersten Jahrhundert seiner Geschichte, Nr. 6/1987
- aus "Freudenstädter Heimatblätter" 1949-1994, Ergänzte 2. Auflage 1997
Hrsgb.: Heimat- und Museumsverein für Stadt und Kreis Freudenstadt,
Seite 35 -42.
3.
EduardPaulus:Beschreibung
des Oberamts Calw. Karl Aue, Stuttgart 1860, Seite 151. (Version vom
1.8.2018)Wikisource, https://de.wikisource.org/w/index.phptitle=Seite:OberamtCalw_151.jpg&oldid=
4.
Ein Christliche Predigt/ Von der newerbawten Kirchen
zur Frewden-Statt, Veringer, Andreas, Stutgardt, 1608 - Digitalisiert
von der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt
5.G. Hertel: Zarte Bande Herzog Friedrichs zu
Freudenstadt. - In:
Freudenstädter Beiträge Zur
geschichtlichen Landeskunde zwischen Neckar, Murg und Kinzig:Herzog
Friedrichs Freudenstadt im ersten Jahrhundert seiner Geschichte, Nr. 6/1987
- aus "Freudenstädter Heimatblätter" 1949-1994, Ergänzte 2. Auflage 1997
Hrsgb.: Heimat- und Museumsverein für Stadt und Kreis Freudenstadt,
Seite 79 - 82.
6.
https://www.ev-kirche-freudenstadt.de/ueber-uns/kirchen/stadtkirche/die-schlusssteine-am-deckengewoelbe