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Johann-Friedrich, der Nachfolger des Stadtgründers Der tödliche Schuss auf Gottfried von Öttingen 1596 und seine möglichen Folgen
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Folgende Attribute werden für ihn verwendet: Fromm - gerecht - friedfertig - sanftmütig - phlegmatisch - gutmütig - prachtliebend - schwach - unentschlossen - verschwenderisch - zaghaft - gütig - verantwortungsvoll - ausgleichend - eitel - heiter - verwöhnt - unglücklich - harmoniesüchtig - wankelmütig.
Von den Eigenschaften seines Vaters scheint er nur den Hang zur Eitelkeit und zur prunksüchtigen Selbstdarstellung geerbt zu haben und dies habe auch - neben weiteren Ursachen - letztlich zu einer sehr hohen Staatsverschuldung geführt.
Außerdem teilte er den Hang zur Alchemie mit seinem Vater Herzog Friedrich. Allerdings verloren unter seiner Herrschaft die beschäftigten Alchemisten bei Erfolgslosigkeit nicht ihr Leben.
Das starke (oft gewaltsame) Durchsetzungsvermögen Friedrichs und dessen strategisches Geschick soll ihm gänzlich gefehlt haben.
Dafür wird vor allem sein Vater verantwortlich gemacht: Dieser habe stets strenge "Unterwürfigkeit" unter seinen Willen und blinden Gehorsam gefordert und so die Entwicklung seines "freien Willens" unterdrückt. So Eugen Schneider (in 1, Seite 98). Deshalb sei Johann-Friedrich letztlich leicht beeinflussbar gewesen und hätte die "Innenpolitik" weitgehend seinen Beamten überlassen.
Ingrid Hanack, die Johann Friedrichs Tagebücher analysiert hat, hebt jedoch lobend hervor, dass es ihm gelungen ist, sein Land noch zehn Jahre lang, trotz schwerster Belastungen fast unversehrt vor Kriegsverheerungen zu bewahren (in 1, Seite 101). Dies sei keinem anderen aktiven süddeutschem Fürsten in diesen Jahren gelungen. Außerdem habe er sich zu einem überdurchschnittlich guten Diplomaten des politischen Ausgleichs entwickelt. (in 1, Seite 100/101).
Allerdings änderte sich dies bereits durch die Schlacht bei Wimpfen am 6. Mai 1622, bei der Herzog Magnus von Württemberg-Neuenbürg, ein jüngerer Bruder von Johann Friedrich, auf protestantischer Seite kämpfend, mit 27 Jahren ums Leben kam. Danach plünderten und verwüsteten katholische und spanische Truppen Teile des Landes. - Am 13. Juli 1622 erlebte das damals württembergische Dorf Ölbronn (heute Enzkreis) den schwärzesten Tag seiner Geschichte. Durchziehende kroatische beziehungsweise als Kosaken bezeichnete Söldner richteten unter den rund 500 Einwohnern ein massives Blutbad an. Das Dorf wurde fast vollständig niedergebrannt und dem Erdboden gleichgemacht. (Siehe Wikipedia)
Bei solchen Gegensätzen lohnt es sich, einige Aspekte des Lebens Johann-Friedrich genauer zu beleuchten.
Verbindungen zu Freudenstadt
Im Beitrag zur Stadtgründung wurde schon erwähnt, dass der Freudenstädter Bürgermeister 1619 Johann Friedrich I. vergeblich um eine Stadtmauer gebeten hatte, weil die Stadt zu arm war, diese Befestigung selbst zu finanzieren. Auch die ursprünglich geplante 5. Häuserzeile wurde aufgegeben, Johann Friedrich reduzierte den Plan auf vier Häuserzeilen. Siehe den Beitrag 1_1.
Die Bauzeit von Kirche und unterem Turm dauerte von 1601 bis 1608. Erst unter Johann Friedrich wurde 1613 bis 1615 der obere Turm errichtet.
Johann Friedrich beauftragte Baumeister Schickhardt nach dem Tod seines Vaters, 1608, einen Plan für die fehlende Schutzwehr von Freudenstadt zu erstellen. Dessen Plan von 1612 wurde aber nie fertiggestellt. Verschiedene Hindernisse, wie z.B. die Wasserzuführung durch die Teuchelleitungen, vereitelten den Bau einer Mauer. 1627 unternahm Schickhardt einen neuen Anlauf mit dem Bau von Wall und Graben. Der Untergrund versprach aber nicht genügend Stabilität, sodass 1628 Schickhardt auch eine geringere Mauerumwallung aufgab und empfahl nur noch Graben und Brustwehr zu errichten.
In den folgenden Jahren (ca. 1627) wurde deshalb als Ersatz für eine Mauer ein Bretterzaun rund um die Stadt gebaut. Dieser ist auf dem Meranstich von 1643 gut zu erkennen. Siehe dazu die Beiträge zur Stadtgründung (1._1) und zu den Toren (1._2).
Freudenstadt erhielt unter Johann Friedrich nicht die erhoffte Befestigung. Ob dafür vor allem die finanziellen und bautechnischen Schwierigkeiten verantwortlich waren oder ob die Stadt für ihn strategisch keine ausreichende Priorität besaß, bleibt eine offene Frage.
Der Herzog selbst reist im November 1611 (zur Zeit der allgemeinen Flucht vor der Pest) nach Urach und von dort dann mit wenigen Begleitern nach Freudenstadt zur Besichtigung des Bergwerks und der Messingfabrik.
Das scheint sein einziger Besuch in Freudenstadt gewesen zu sein. Jedenfalls habe ich in den Landtagsakten und in den Lebensbeschreibungen von Johann Friedrich keine weiteren Hinweise für einen Besuch in Freudenstadt gefunden.
Aber es gab noch einen weiteren Anlass für ihn, sich mit Freudenstadt zu beschäftigen. Dieser hing mit der Untreue seines Vaters zusammen. Johann-Friedrich wusste, wie sehr seine Mutter unter den zahlreichen "Liebschaften" seines Vaters gelitten hatte. Deshalb war es eine seiner ersten Amtshandlungen, alle Geliebten (es sollen 13 Frauen gewesen sein) (2) ausfindig zu machen und einzusperren. Unter diesen Frauen war auch die - im Beitrag zur Stadtgründung genannte - Frau des Schulmeisters Ketterlin in Freudenstadt. Sie kam jedoch für ein "Schweigegelöbnis" wieder frei.
Diese Aktion begann schon 18 Stunden nach dem Tod von Herzog Friedrich. Das zeigt, wie wenig der Sohn mit dem Verhalten seines Vaters einverstanden gewesen war (2). Außerdem war es für ihn und seine Mutter sehr wichtig, den Ruf des verstorbenen Herzogs zu "schützen".
Ansonsten setzte sich Johann Friedrich nur noch mit Fragen zur "Waldgedingsgerechtigkeit" im Raum Freudenstadt auseinander. Schon 1608 klagten die Dornstetter- und Baiersbronner Bauern über die Verluste ihrer alten Rechte, die durch die Gründung von Freudenstadt entstanden waren. Sie waren aber von Herzog Friedrich "brüsk" abgewiesen worden. Nach dessen Tod versuchten es die Bauern erneut bei Johann Friedrich und dieser sagte auch eine "Untersuchung" zu. Aber erst 1612 fand eine Untersuchung statt, die 1614 schließlich zu einer neuen Waldgedingsordnung führte, in der auch Baiersbronn miteingeschlossen war. Damit war der Streit aber nicht beigelegt, keine Partei war mit der geschaffenen Situation zufrieden (3).
Ansonsten spielte Freudenstadt keine besondere Rolle mehr in der Herrschaftszeit von Johann Friedrich. Auch der Bau eines Schlosses auf dem Marktplatz wurde nie erwogen.
Jugend- und Ausbildungszeit von Johann-Friedrich
Johann Friedrich wurde am 5.5.1582 in Mömpelgard geboren und verbrachte dort seine ersten Lebensjahre unter der Obhut seiner Mutter, Sibylla von Anhalt, ehe er nach Stuttgart an den Hof und dann nach Tübingen ins Collegium illustre wechselte.
Im September 1587 befand er sich in Hirsau, als in Tübingen eine Ruhrepedemie ausgebrochen war. Auch von Oktober 1594 bis April
1595 wohnte er als 12-Jähriger im Hirsauer Schloss. Wegen der Pest in Tübingen hatte sein Vater ihm diesen Wohnsitz zugewiesen, die restliche Familie hielt sich dagegen in Kirchheim auf.
Es kann nur spekuliert werden, warum er nicht mit nach Kirchheim genommen wurde. Möglicherweise sah Herzog Friedrich in dem Aufenthalt in Hirsau eine "erzieherische" oder "schulische" Maßnahme.
Schon in sehr zartem Alter wurde nämlich mit Vorbereitungen zum Beziehen der Universität begonnen. Dies entsprach durchaus dem Brauch der Zeit.
Das Collegium illustre in Tübingen (5)
An der Stelle im Ammertal, an der sich heute das Wilhelmsstift erhebt, befand sich einst das 1272 gegründete Tübinger Franziskanerkloster. Bald nach seiner Aufhebung im Jahre 1535 während der Reformationszeit brannte es 1540 teilweise ab.
Im Jahre 1559 ließ Herzog Christoph von Württemberg (1515–1568) in den verbliebenen Gebäuden eine Hofschule einrichten.
Dies war die erste Ritterakademie im deutschen Sprachraum, die junge Adlige auf den Staatsdienst vorbereiten sollte.
Seine württembergische Große Kirchenordnung von 1559 bestimmte das ehemalige Klostergebäude zum evangelischen Stift für die Ausbildung von Staatsbeamten.
Er plante den Ausbau der Schule zu einer Hochschule und ließ in den Jahren 1588–1592 von dem württembergischen Landbaumeister Georg Beer die heute noch bestehende Vierflügelanlage im Stil der Spätrenaissance errichten.
Zur Einweihung am 27. September 1592 erschien Herzog Friedrich selbst mit großen Gefolge. Die eigentliche Eröffnung und Aufnahme der ersten Zöglingen erfolgte am 25. April 1594. Herzog Friedrich selbst führte seinen ältesten Sohn, Herzog Johann Friedrich, ins Collegium ein.
Mit diesem traten viele andere vornehme junge Herren ein und schon im ersten Jahre zählte die Anstalt 70 Kollegiaten (14).
Das Collegium wurde 1596 - nach Einsprüchen der Landschaft - mit neuen Statuten versehen und dieses mit einer lateinischen und einer deutschen Rede am 26. April 1596 erneut feierlich eingeweiht.
Die neuen Statuten beschränkten die Anstalt auf den Adel und legten den Hauptnachdruck vollends ganz auf die gemeinsame Haushaltung. Das Kollegium wurde von der Universität getrennt, die Anmeldungen waren ausschließlich bei dem Vorsteher desselben einzureichen, nur außerhalb des Kollegiums unterstanden die Mitglieder der akademischen Gerichtsbarkeit. An die Spitze der Anstalt trat nun ein adeliger Oberhofmeister (14).
Da die Hofmeister, Präzeptoren und Diener der Zöglinge mit im Kollegium lebten, sowie auch ältere Adelige, die Land und Leute kennenlernen wollten, vorübergehend Unterkunft erhielten, so hatte die Anstalt in dieser Zeit den Charakter einer Herberge für den studierenden und reisenden Adel (5).
Wir wissen aus den Senatsprotokollen (Siehe Ausschnitt rechts), dass Johann Friedrich im Sommersemester 1596 als "Rektor" benannt wurde, während Hafenreffer als Prorektor die Geschäfte wahrnahm.
Gottfried von Öttingen hatte sich am 7. Juli 1596 an der Universität immatrikuliert (13).
Er wurde als einer der ersten auswärtigen hochadligen Bewohner des Collegiums benannt.
Dieser Grafensohn war von Herzog Friedrich ausdrücklich als Begleiter von Johann Friedrich ausgewählt worden (4).
Was stand auf dem Lehrplan?
1. Reiten und höfische Übungen
Reitkunst, Fechten, Tanzen und Ballspiele. Dazu
gehörten Körperbeherrschung, höfische Umgangsformen und die Vorbereitung auf
das Leben am Fürstenhof.
2. Fechten und militärische Fähigkeiten
Der Umgang mit Waffen gehörte zur adeligen Ausbildung.
Reiten und Fechten sollten auch auf militärische Aufgaben vorbereiten.
3. Recht, Geschichte und Politik
Unterricht in römischem Recht, Lehnrecht, Staatsrecht sowie Politik und Geschichte sollte die jungen Männer für Aufgaben in Verwaltung und Herrschaft befähigen.
4. Fremdsprachen und Rhetorik
Moderne Sprachen, insbesondere Französisch und
Italienisch, waren für Reisen, Gespräche mit ausländischen Höfen und
diplomatische Kontakte wichtig. Rhetorik gehörte ebenfalls zum
Bildungsanspruch.
Das Leben im Kollegium war dabei genau geregelt und der Tagesablauf festgelegt.
Der Vormittag sollte zu wissenschaftlichen Studien verwendet werden; das heißt Lektionen im Kollegium, allgemeine Rede- und Disputierübungen und theologischen Disputationen von den Kollegiaten besuchen. Drei Stunden des Nachmittags durften die Herrn zu ritterlichen Uebungen verwenden. Reiten, Fechten, Schießen, Tanzen, Ballschlagen gehörten dazu; es waren hierzu eine Reitbahn, ein Fecht- , Schieß- und Tanzplatz und ein Ballhaus eingerichtet . Meister in diesen ritterlichen Künsten leiteten jede Übung. An Sonn- und Festtagen musste die Kirche besucht, zu Hause sollte in der Hilg. Schrift und unverfälschten theologischen Büchern gelesen werden (14).
Der Freund
Gottfried von Öttingen, geboren 1582, am 7. Juli 1596 an der Universität immatrikuliert, starb am 23. August desselben Jahres im Alter von 14 Jahren in Tübingen. Nach seinem Tod wurde seine Auffassungsgabe und seine Frömmigkeit während dieser wenigen Wochen in Tübingen gelobt (4).
Johann Friedrich und Gottfried waren nicht
bloß flüchtige Bekannte, sondern hatten vermutlich eine persönliche
Beziehung, möglicherweise eine Freundschaft, die durch den gemeinsamen
Aufenthalt und Gottfrieds besondere Rolle für Johann Friedrich in Tübingen
entstanden sein könnte.
Beweisen können wir eine enge Freundschaft allerdings nicht. Aber die Worte von Johann Friedrich, die er Jahrzehnte später aussprach „wie lieb ich ihn hatte“ drücken zwar eine eindeutige Zuneigung und eine andauernde Reue aus, außerdem die Erinnerung an einen unschuldig ums Leben gekommenen Altersgenossen.
Das Unglück
Adam berichtet an zwei Stellen in den Württembergischen Landtagsakten (7) vom Tod des jungen Grafen Gottfried von Öttingen. Auf der Seite 145 formuliert er:
"Weitere Vorwürfe und Schmähungen bezogen sich auf die traurige Sache
des Grafen von Öttingen, den Hz. Joh. Friedrich an
Barthol. 1595 in Tübingen mit einem Gewehr, das er für ungeladen
hielt, erschossen hatte
..."
und auf Seite 788 heißt es - Siehe links:
Adams Datierung steht im Widerspruch zu den übrigen Belegen, wahrscheinlich handelt es sich um einen Druckfehler.
Im Epitaph-Katalog (siehe B2) der Universität Tübingen
ist nämlich den Tod am 23. August 1596 vermerkt, ebenso im LEO-BW:
Wenn Johann Friedrich sich Jahrzehnte später, wenige
Tage vor seinem Tod, an den Schuss erinnerte und zu Buwinkhausen sagte, er
habe den jungen Grafen lieb gehabt, spricht das dafür, dass Gottfried ihm
persönlich nahestand. Vor allem, wenn ihm dabei die Tränen kommen. Adam überliefert ausdrücklich die Worte: „Man weiss
wohl, dass ich unschuldig war und wie lieb ich ihn hatte …“
Der Tübinger Professor Martin Crusius berichtet, Gottfried sei um circa ein Uhr nachmittags
in Anwesenheit des 14-jährigen
Erbprinzen Johann Friedrich von Württemberg durch ein Versehen erschossen
worden.
"Primus igitur exterorum illustrium,
fuit Comes Oeting. D. Gottefridus puer: qui ibi 6. lul. cibum capere, et
habitare, coepit. Hic 23. Aug. (septima ibi 20 hebdomade completa.) Totam
ego fero noc- tem insecutam, prae insomnem egi: etsi nihil Cum illo puero
mihi rei fuit: quia interea, dum is ibi vixit, nunquam invitatus fueram."
"Am 23. August, nachdem seine siebte Woche dort
vollendet war, [geschah etwas" – der Satz bricht hier inhaltlich ab bzw. geht
in den folgenden Bericht über]. "Die ganze folgende Nacht verbrachte ich, von
Schlaflosigkeit geplagt, wach; obwohl ich mit diesem Knaben persönlich
nichts zu tun gehabt hatte, denn während der Zeit, in der er dort lebte, war
ich niemals zu ihm eingeladen worden
Gottfried war der Sohn eines Grafen von Öttingen. Sein Tod durch einen Schuss Johann Friedrichs löste nicht nur persönliche Trauer aus, sondern warf auch die Frage nach der Verantwortung für einen jungen Angehörigen des Hauses Öttingen auf.
Ich vermute, dass die Beziehung zwischen den Häusern
dadurch außerst gefährdet worden war und berücksichtigt werden
Wenn ein Grafensohn gerade dazu ausgewählt worden war, den württembergischen Fürstensohn zu begleiten, könnte der tödliche Unfall das Vertrauen zwischen den Familien belasten. Eine öffentliche Schuldzuweisung hätte wahrscheinlich zu einer Auseinandersetzung zwischen den Fürstenhäusern geführt.
Crusius' Formulierung erscheint deshalb noch
bemerkenswerter.
Er schreibt nicht ausdrücklich, Johann Friedrich habe geschossen, sondern fragt, ob Gottfried sich selbst getroffen habe oder „durch den Rektor“.
Dass Crusius den Namen Johann Friedrichs nicht ausdrücklich nennt, ist bemerkenswert. Da der Erbprinz damals den Rektortitel führte, könnte die Formulierung „durch den Rektor“ eine vorsichtige Anspielung gewesen sein. Ob Crusius damit tatsächlich Johann Friedrich meinte und ob er bewusst Rücksicht auf den württembergischen Hof nahm, lässt sich nicht beweisen. Die Frage bleibt aber erlaubt.
Crusius berichtet außerdem:
"Sparsum est, quod flauerit in cannam sclopi, qui
emissionem globuli negauisset. Ad inspirationem autem oris, globulum
erupisse.
„Es war nur wenig, was in den Lauf des Gewehrs
geblasen wurde, das den Abschuss der Kugel verweigert hatte. Doch durch das
Hineinblasen mit dem Mund brach die Kugel plötzlich hervor.“

Die rhetorische Aufarbeitung des Unglücks
In den Programmata Funeralia der Universität Tübingen wurde der Tod von
Gottfried von Öttingen auf eine Weise verarbeitet, die sowohl der tiefen
Trauer als auch der politischen Brisanz des Vorfalls gerecht werden musste
Da die Todesanzeige (das akademische Programm) auf Latein verfasst und öffentlich an der Universität angeschlagen wurde, folgte sie einem strengen rhetorischen Muster (A1).
Verhüllung im Lateinischen:
Da ein tragischer Schussunfall im Beisein des herzoglichen Erbprinzen Johann Friedrich ein hochempfindliches Thema war, wurde das Geschehen in der offiziellen lateinischen Todesanzeige sprachlich „eingekleidet“. Man sprach vom plötzlichen, unvorhersehbaren Schicksalsschlag, um jegliche politische Nachrede oder Schuldzuweisungen im Keim zu ersticken.
Er sei nicht durch menschliche Schuld, sondern „fatalis casus“
(durch ein verhängnisvolles Geschick) und „ex insperato“ (unverhofft)
aus dem Leben gerissen worden.
Der Text sprach davon, dass er „in ipso aetatis flore“ (in der
Blüte seines Alters, mit 14 Jahren) von Gott abberufen wurde, um ihn vor den
Sünden der Welt zu bewahren.
Trost-Umschreibung:
Der Text begann mit
einer ausführlichen Würdigung des edlen Hauses Öttingen. Gottfried wurde als
„Generosus et Nobilissimus Dominus“ (Edler und hochwohlgeborener
Herr) betitelt. Seine Herkunft wurde heroisch beschrieben, um dem Status der
Familie gerecht zu werden. Ein zentrales Element der Tübinger Programme bei so
jungen Studenten war die Umschreibung des „unzeitigen Todes“. Es wurde betont, dass
der junge Adlige trotz seiner nur kurzen Immatrikulationszeit (von wenigen
Wochen) bereits ein hoffnungsvolles Mitglied der akademischen Gemeinschaft
gewesen sei, dessen Leben Gott nun jäh zu sich gerufen habe.
Die Umschreibung des tragischen Todes (Das unvorhersehbare
Schicksal):
Um das sensible Thema des Schussunfalls im Beisein des
herzoglichen Erbprinzen nicht politisch anzuheizen oder Details des Hergangs
öffentlich zu sezieren, nutzte die Universität klassische theologische
Formulierungen. Man sprach von einem plötzlichen, unglücklichen Fall (fatalis
casus) oder davon, dass er von Gott jäh abberufen wurde:
„...in ipso aetatis flore, ex insperato et fatali
casu, immatura morte praereptus...“
(...in der Blüte seines
Alters, durch einen unverhofften und schicksalhaften Unglücksfall, durch
einen unzeitigen Tod entrissen...)
Der feierliche Aufruf zur Bestattung:
Am Ende folgte der direkte, verbindliche Aufruf an alle Professoren, Magistri und Studenten, dem Trauerzug beizuwohnen:
„Quamobrem
Omnes Universitatas Cives, Rectores, Doctores, Professores et Studioventes
officiose invitamus und rogamus, ut funus hoc honestissimo comitatu ad
sepulchrum deducere velint.“
(Weshalb wir alle Bürger
der Universität, Rektoren, Doktoren, Professoren und Studenten
pflichtschuldig einladen und bitten, diesen Leichnam mit einem ehrungsvollen
Geleit zum Grab zu begleiten.)
Martin Crusius selbst hielt das Ereignis am 23. August
1596 in seinen berühmten Diarien (Tagebüchern) in einer Mischung aus
Latein und Altgriechisch fest. Er notierte nüchtern, aber erschüttert, dass
der junge Graf am frühen Nachmittag (hora prima pomeridiana) durch
das fatale Versehen eines Gewehrschusses (infelici tormenti explosione)
verstarb, während er in Gesellschaft des jungen württembergischen Prinzen
Johann Friedrich weilte
Diese Kombination aus der behutsamen, hochoffiziellen
Rektoratsanzeige und den privaten Notizen der Professoren macht den Fall zu
einem bemerkenswert gut dokumentierten studentischen Schicksale der
Tübinger Renaissance.
Das Epitaph

Alle oben genannten Kriterien der rhetorischen Aufarbeitung wurden auch bei der Gestaltung und Beschreibung des Epitaphs von Gottfried von Öttingen in der Stiftskirche Tübingen berücksichtigt .
Standort: Stiftskirche Tübingen, linkes Seitenschiff, links vom Chor an Ostwand.
Dort heißt es in der Beschreibung des Museums:(6)
"Zwei weitere durch Christoph Jelin gefertigte, fein gearbeitete Gedächtnismale aus Alabaster entstanden für die Studenten Gottfried von Öttingen und Graf Wilhelm Ernst von Waldeck:
Gottfried von Öttingen (1582–1596), am 7. Juli 1596 an der Universität immatrikuliert, starb am 23. August desselben Jahres im Alter von 14 Jahren in Tübingen. Der Tod des jungen Adligen war ein tragischer Unglücksfall.
Der Tübinger Professor Martin Crusius berichtet, er sei um circa ein Uhr nachmittags in Anwesenheit des 14-jährigen Erbprinzen Johann Friedrich von Württemberg durch ein Versehen erschossen worden.
Für das Hauptfeld des Gedächtnismals im Kirchenraum, links des Chors an der Ostwand, wurde die Darstellung der Kreuzigung Christi vor einer miniaturhaft feinen bergigen Landschaft gewählt. Der Verstorbene kniet vor dem Kreuz, neben sich Hut und Familienwappen als Nachweis seiner Herkunft.
Die Inschrift unter dem Hauptfeld zeigt die Machtlosigkeit angesichts des in jeder Minute möglichen Todes:
„Wir werden geboren und wir sterben; eines jeden Geborenen Todesstunde
droht einem jeden im Verborgenen“.

Unter der Inschrift ist ein Putto mit Totenschädel und Sanduhr bildlicher Ausdruck dieser Mahnung. Diese Inschrift findet ihr Gegenstück im Bild. Der aufmerksame Betrachter erkennt die schweren Wolken als Hagelwetter, deren Körner auf den jungen Mann niederfallen. Johannes Brenz hatte in seiner Hagelpredigt, die in den Jahren 1539, 1556 und 1558 in lateinischer und deutscher Sprache gedruckt wurde, darauf hingewiesen, dass Gott nicht nur das Gute, sondern auch das Schlechte, versinnbildlicht durch den Hagel, als Glaubensprüfung schaffe. Trost bringt hier die im Aufsatz des Gedächtnismals dargestellte Szene der Auferstehung Christi. Der kniende Verstorbene blickt nicht nur zum Gekreuzigten, auf Erlösung hoffend, sondern ebenso zum auferstandenen Christus darüber, der für die Erfüllung dieser Hoffnung steht."
Anmerkungen:
Die Rektoratsanzeige für den 14-jährigen Studenten Gottfried von Öttingen befindet sich im Universitätsarchiv Tübingen unter der Signatur UAT 10/12,1 (Band 1 der Programmata Funeralia, Zeitrahmen 1570–1610).
Ein wörtlicher Gesamt-Faksimiletext der Anzeige ist
digital zwar nur direkt über die internen Archivportale oder
OpenDigi Tübingen einsehbar, die inhaltliche Essenz des Textes ist
jedoch durch die Abschriften und Tagebucheinträge (Diarien) des
damaligen Professors Martin Crusius vollständig überliefert.
Senatsprotokolle 1596 - 1601 - Ausschnitt aus der Seite 446
Protokolle des Akademischen Senats - OpenDigi
B1 - Johann-Friedrich:
Wikipedia, Unbekannter Maler eingescannt aus: Robert Uhland (Hrsgb.): 900 Jahre Haus Württemberg, 3. Aufl., Stuttgart, 1985, gemeinfrei
B2 - Epitaph:
Standort: Stiftskirche Tübingen, linkes Seitenschiff, links vom Chor an Ostwand. Hier der erläuternde Text des Tübinger Museums (6):
Zwei weitere durch Christoph Jelin gefertigte, fein gearbeitete Gedächtnismale aus Alabaster entstanden für die Studenten Gottfried von Öttingen und Graf Wilhelm Ernst von Waldeck:
B3 - Die Szene:
Im Austausch mit KI entstanden und von KI gestaltet. Das Bild erhebt keinen Anspruch auf historische Richtigkeit von Details, sondern dient allein der Illustration der Geschichte.
B4 - Radschlossgewehr:
Im Austausch mit KI entstanden und von KI gestaltet. Das Bild erhebt keinen Anspruch auf historische Richtigkeit von Details, sondern dient allein der Illustration der Geschichte.
Quellen:
Gerhard Raff: Hie gut Wirtemberg allewege II: d. Haus Württemberg von Herzog Friedrich I. bis Herzog Eberhard III./ mit den Linien Stuttgart, Mömpelgard, Weitingen, Neuenstadt a.d. Kocher, Neuenbürg und Oels in Schlesien, Degerloch 1993, 2. Auflage 1995, Seite 83 - 116.
Paul Sauer: Herzog Friedrich I. von Württemberg, 1557 - 1608, Reformer und Autokrat, DVA, München, 2003, Seite 306 - 313
Manfred Eimer: Geschichte der Stadt Freudenstadt, O. Kauppert, Freudenstadt, 1937, Seite 97 -99.
Diarium Martini Crusii, 1596-1597, Hrsgb. von Wilhelm Göz und Enrst Conrad, 1927, Verlag der Laupp'schen Buchhandlung Tübingen
Eugen Schneider: Eine württembergische Adelsakademie - in : Hie gut Württemberg allewege - Ein litterarisches Jahrbuch aus Schwaben, Heilbronn, Verlag v. Eugen Salzer, 1898
Epitaph für Gottfried von Öttingen:
https://www.emuseum.uni-tuebingen.de/de/objects/31293/epitaph-fur-gottfried-von-ottingen
A. E. Adam, Württ. Landtagsakten unter Hzg. Friedrich I. u. Hzg. J.
F., 3 Bde., 1910-19
Ch. F. Sattler, Gesch. d. Hzgt. Württ. unter Regierung d. Herzogen VI, 1773
H. Gmelin, Über d. ersten Zeiten d. Regierung d. Hzg. J. F. v. W., in: Württ. Vjh. 4, 1895, S. 90-97
Ottnad, Bernd, "Johann Friedrich" in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 543-544 [Online-Version]
https://www.deutsche-biographie.de/gnd118712381.html#ndbcontent
Schäblen, Georg Jakob: Oettingischer Geschichts-Almanach, Dettingen, Im Verlag einer kleinen Armencasse, Bayerische Staatsbibliothek, Seite 186
https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10019234?page=,1
12.
Theresa Reich und Moritz Beeching, Herzog Johann Friedrich von Württemberg, in: Der Dreißigjährige Krieg, URL: […], Stand: 11.08.2022
Die Matrikeln der Universität Tübingen - im Auftrag der Württembergischen Kommission für Landesgeschichte, hrsg. von Dr. Heinrich Hermelink, Erster Band: 1477-1600, Stuttgart, Kohlhammer, 1906 - Seite 728
https://opendigi.ub.uni-tuebingen.de/opendigi/LXV223-1#p=740
August Willburger, „Das Kollegium Illustre in Tübingen“ (1911), PDF