Frank Buchman
Die "Moralische (Wieder-)Aufrüstung" in Freudenstadt
|
Frank Buchman
Die "Moralische (Wieder-)Aufrüstung" in Freudenstadt
|
"Erleuchtung"
erfahren haben. Auf dem Gedenkstein ist es in Worte gefasst:
"Die nächste große
Bewegung in der Welt wird eine geistige und moralische Aufrüstung aller Völker
sein"!
Nach Differenzen mit seinen Vorgesetzten verlagerte er
seine Tätigkeiten mehr und mehr nach Europa, insbesondere nach Großbritannien.
Dort entstand unter seiner Initiative 1921 die sog. Oxford-Gruppenbewegung.
Deren Ziel war es, aus christlicher Überzeugung heraus einen sittlichen Wandel
der Menschen zu erreichen. Buchman kam zu der Überzeugung, dass das Aufweichen
moralischer Grundsätze den Charakter der Menschen und zwischenmenschliche
Beziehungen zerstört, und dass moralische Stärke eine Voraussetzung für eine
gerechte Gesellschaft ist.
"Am 4. Juni 1938 machte
ich einen Gang in der Umgebung von Freudenstadt. Die Welt stand am Rande des
Chaos. Als ich durch diese stillen Wälder schritt, kam mir immer wieder der
Gedanke einer moralischen und geistigen Aufrüstung. Die nächste große geistige
Bewegung in der Welt wird eine moralische Aufrüstung aller Völker sein."
Kurz vor dem Ausbruch des Krieges in Europa im Sommer 1938
rief Buchman weltweit zu dieser moralischen und geistigen Aufrüstung auf. Zur
gleichen Zeit begann die "Moralische Aufrüstung" offiziell mit ihrer Arbeit in
Europa und Nordamerika. Bald handelte es sich nicht mehr nur um eine Art
"Erweckungsbewegung", sondern nun wollte Buchman mit seiner MRA auch Einfluss auf
das aktuelle politische Geschehen seiner Zeit
nehmen.
(1)
Buchmans Ziel war es, die positiven Kräfte aller Länder zu bündeln. Seine Überzeugungen wurden vermehrt in der öffentlichen Diskussion aufgegriffen. Im Geiste des Christentums sollten die Gefahren des Atheismus, des Materialismus und vor allem des Kommunismus überwunden werden. Deshalb war Buchman anfänglich auch durchaus positiv vom Nationalsozialismus und seinen Vertretern und derer antikommunistischen Haltung eingenommen. Denn ein Sinn für Demokratie war in diesem Lutheraner aus Amerika nicht angelegt. Nur die Spitzen, die vorhandenen "Führer", meinte er ändern zu müssen; alles andere würde dann fast automatisch folgen. So hielt er selbst eine "von Gott kontrollierte" faschistische Diktatur für geeignet, menschliche Probleme zu lösen. 1936 dankte er dem Himmel "für einen Mann wie Hitler, der eine Frontlinie der Verteidigung gegen den Antichrist des Kommunismus aufbaute".
Es war kein Zufall, dass er sich zwei Jahre später im deutschen Klima zum moralischen Aufrüster und zum Ideologen des Antikommunismus wandelte. Der kommunistischen Welterlösung setzte er den amerikanischen Optimismus der Selbsterlösung entgegen.
Frank Buchman spürte stets, was in der
Luft lag. Im Jahre 1940 zog er in einen "patriotischen Kreuzzug", diesmal gegen
Hitler. (Truman: »Niemand konnte unsere Kriegsziele so gut darstellen wie er.")
Von nun an galten seine Kreuzzüge nicht mehr der Person, sondern dem Heil
Amerikas, wie er es verstand.
Die Kriegsjahre verlebte er in den Vereinigten
Staaten. Während des Krieges meldeten sich Hunderte seiner Mitarbeiter bei
den Streitkräften der Alliierten als Freiwillige. Er selbst blieb mit anderen
in den Vereinigten Staaten, um dort zur Stärkung der nationalen Moral
beizutragen.
Frank Buchman war nach Europa
zurückgekehrt. Er meinte nun, dass ein dauerhafter Weltfriede nur geschaffen werden könne,
wenn sich in den menschlichen Beziehungen sowohl im persönlichen als auch im
öffentlichen Bereich etwas ändere.
In vier Forderungen fasste sie "Gottes Gebot" zusammen: Absolute Ehrlichkeit, Reinheit, Selbstlosigkeit und Liebe. Die Quelle ihrer Kraft war die Stille, die tägliche Stille vor Gott und das Erleben der christlichen Gemeinschaft. Natürlich kann der Mensch nicht aus eigener Kraft diesen Stand der Vollkommenheit erreichen. Leitkraft der MRA-Menschenumwälzung ist deshalb Gott, der wieder "auf die Kommandobrücke der Demokratie müsse", wie es in einem MRA-Kernspruch heißt.(14)
Diese neue Ideologie scheint so stark, dass sie vermeintlich die Schranken zwischen Menschen, Klassen, Nationen und Rassen zu sprengen vermag. Was sie verkündet, ist das Dogma des sozialen Friedens, ein Faktor der "göttlichen Weltordnung", der wieder bewusst gemacht werden müsste.(3)
Die Lösung der wirtschaftlichen Probleme sah in Buchmans Vorstellungen so aus: „Wenn jeder genug für den anderen sorgt und jeder genug teilt, hat dann nicht jeder genug? In der Welt ist genug für jedermanns Bedürfnisse. Die Industrie kann zum Träger einer neuen Ordnung werden, in der an die Stelle des Eigennutzes der Dienst am Volke tritt und in der die industrielle Planung auf die Führung Gottes gegründet ist. Wenn Arbeiterschaft, Betriebsführung und Kapital unter Gottes Führung zusammenarbeiten, dann kann die Industrie den ihr gebührenden Platz im Leben des Volkes finden."
Damit die Führung durch Gott besser klappt, wurden vor allem auch deutsche Gewerkschaftsmitglieder nach Caux eingeladen und zu Äußerungen veranlasst, die, in zum Teil sinnentstellender Weise zitiert, den Eindruck erwecken sollten, eine Mehrzahl von Gewerkschaftern habe sich die Ziele der MRA zu eigen gemacht und erwarte von ihr neben anderen die schmerzlose Lösung der sozialen Frage. Dies wurde dann in Broschüren der MRA massenhaft verbreitet. Das Buch der MRA "Welt im Aufbau" wurde z.B. an alle deutschen Studenten verteilt. (14)
Nach der Proklamation des Kalten Krieges war Buchman der erste, der den Antikommunisten die tröstende Gewissheit gab, sich in der neuen westlichen Kampfgemeinschaft wieder bewähren zu können. Paul Hoffmann, der Marshall-Plan-Administrator, nannte sie "das ideologische Gegenstück zum Marshallplan".
Der Erfolg der "Moralischen Aufrüstung" war nicht nur dem Einsatz von Geldmitteln zu verdanken, sondern auch der beabsichtigenden, außerordentlich geschickten Verknüpfung von politischer Einstellung und Lebensgeschichte.
Das MRA-Schauspiel "Der vergessene Faktor"
gab zu verstehen, dass sich alle Differenzen durch Teamwork lösen ließen,
zuhause am Frühstückstisch, im öffentlichen Leben am Konferenztisch. So wie
sich der Kommunist der Selbstreinigung in der Prozedur der Kritik und
Selbstkritik unterzog, so breitete der „moralisch Aufgerüstete“, beflügelt
durch die mit ihm sympathisierende Gruppe, sein Leben aus, bekannte seine
Schuld und gelobte Besserung.
In den Deutschen und ihrem Autorität ausübenden Kanzler (Adenauer) glaubte Buchman denn auch die natürlichen Bundesgenossen gefunden zu haben. Zu einer Zeit, in der jeder Kontakt zu Deutschen extrem schwierig war, luden Buchman und seine Mitstreiter immer größere deutsche Delegationen nach Caux ein.
Mit der Mithilfe von General Clay wurden zuerst 150 Deutsche ausgesucht
und zu der MRA-Tagung in die Schweiz zur Ausbildung geschickt. Alliierte
Dienststellen sagten aus, dass sie bei ihrer Rückkehr beschwingt waren durch
neue Perspektiven. Die Fehler der Vergangenheit wurden williger zugegeben, die
Zukunft würden sie nun anders gestalten wollen. Sie setzten sich zusammen und schrieben
eine Broschüre über die Demokratie mit dem Titel: Es muss alles anders werden.
Auch die neu entstandene politische Führungsriege eilte nach Caux. Wer Rang und Namen hatte, eilte auf Kosten Buchmans ins Schweizer Nachkriegsparadies, um sich Kraft und Nahrung zu holen. Im Laufe der folgenden vier Jahre ab 1947 kamen mehr als 3 000 Deutsche und 2 000 Franzosen nach Caux.

In den 1950er Jahren reisten mehrere Schauspieltruppen um die Welt um die Grundgedanken der MRA weiter zu verbreiten. Auch in Freudenstadt waren sie aktiv. Stets traten dabei "Bekehrte" auf, wie im Film und auf den Bildern (=Standbilder aus dem zitierten Film) zu erkennen ist. Besonders hervorgehoben werden dabei "Figuren" wie Sioux-Häuptling, Generäle, Formosa-Chinesen... Der Film ist auch bei YouTube zu finden!
Die Botschaften der Bekenner-Aufführungen waren immer die gleichen: Einmal wird der vom Kommunismus verführte Sohn gerettet und seiner Familie wieder zugeführt oder aber der chinesische (kommunistische) Drache wird besiegt. Dazu ertönte dann noch im Western-Country-Stil das Loblied auf die WRA.
Die große Masse der Neugierigen auf dem Freudenstädter Marktplatz verdeutlicht, wie sehr sich diese in den Nachkriegsjahren nach neuer Orientierung sehnte, neugierig aber auch "skeptisch" war.



Buchman predigte gewaltige Änderungen und erhielt dort am meisten Beifall, wo nichts geändert werden konnte. Denn seine Philosophie zementierte den weiteren Stillstand: Ein Mensch "geändert" bedeutet eben nicht, dass dadurch Millionen geändert werden und eine Welt in Frieden entsteht. Den Sprung vom Einzelnen zu den Millionen überließ Buchman nämlich Gott höchstpersönlich. Aber der Einzelne erwarb sich durch die MRA ein besseres Selbstwertgefühl. Der einstige Lutheraner Buchman war an der Privat-Moral interessiert, nicht an gesellschaftlichen Konsequenzen. Er war "unpolitisch", weil er die Politik in guten Händen glaubte.(2)
Kann sich die menschliche Natur mit oder ohne Hilfe
Gottes wirklich so radikal wandeln? Ein protestantischer Theologe, der von der
"Neuen Zeitung" zitiert wurde, formulierte im Hinblick auf MRA ein
entschiedenes "Nein": "Man möge mir verzeihen, dass ich Buchman als einen Mann
bezeichne, der auf Erden kleine Abbilder Gottes in Serienfabrikation herstellen
möchte: absolut ehrlich, absolut rein, absolut selbstlos, absolut liebend.
Buchman sollte wirklich etwas bescheidener werden." - Auch der Kölner
Kardinal Frings riet den Gläubigen ab, Buchmans Medizin zu schlucken.
Frank Buchman wird später von der deutschen und der französischen Regierung für seine Verdienste um die Versöhnung in Europa ausgezeichnet. Er erhielt u.a.1952 das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.
Die Konferenzen in Caux in der Schweiz und auf Mackinac-Island in den USA fanden in der Nachkriegszeit große öffentliche Anerkennung, weil sie als Beitrag zur internationalen Verständigung gesehen wurden. In Lateinamerika, Indien, Japan und mehreren Ländern Afrikas wurden neue Zentren eröffnet.
Am 22. Juli 1961 war Buchman wieder nach Freudenstadt gekommen, am Abend des 7. August 1961 starb er im Waldhotel Luz.
Zahlreiche Gäste aus aller Welt verabschiedeten ihn in
Freudenstadt. Ministerpräsident Kiesinger und Arbeitsminister Blank waren unter
den Trauergästen. Vor der Stadtkirche verfolgte eine riesige Menschenmenge den
Gedenkgottesdienst über die Lautsprecher. Anschließend fand im Freudenstädter
Kurhaus eine Gedenkfeier statt. Dabei wurde von Freudenstadt als einem "Mekka
der freien Menschen" gesprochen. Bürgermeister Bärlin benannte Freudenstadt als
eine Heimat, wo sich die "Männer und Frauen der Moralischen Aufrüstung finden
können, um in Ruhe bei den Tannen der schwarzen Wälder Kraft zu schöpfen für
das Weitertragen der Ideen".
Nach Buchmans Tod 1961 übernahm der Brite Peter Howard, ein ehemaliger politischer Journalist, die führende Position in der MRA. Aber vier Jahre später starb auch er.
Ohne klar
definierte Führung, die den Zusammenhalt sichert, brachen Meinungsunterschiede
zwischen denjenigen auf, die danach Verantwortung übernahmen.
So wurde er 1936 im New York World-Telegram mit der Aussage zitiert: „I thank heaven for a man like Adolf Hitler, who built a front line defence against the anti-Christ of Communism“ – „Ich danke dem Himmel für einen Mann wie Adolf Hitler, der eine Verteidigungslinie gegen den Antichrist des Kommunismus aufgebaut hat.“
William A. H. Birnie: Fascist World
Ruled by God, Buchman Idea. - Interview mit Frank Buchman in: New York
World-Telegram. 26. August 1936.
Als Buchman starb, schrieb Kanzler Adenauer in seinem
Beileidstelegramm 1961, Buchman habe zu den ersten gehört, "die nach schwerer,
dunkler Zeit uns Deutschen die Freundeshand reichten". Das deutsche Volk werde
ihm ob seiner lauteren Gesinnung, seines beispielhaft mutigen Einsatzes für
Frieden und Völkerversöhnung ein ehrendes Andenken bewahren.
Gabriele Müller-List: Eine neue Moral für Deutschland? Die Bewegung für
Moralische Aufrüstung und ihre Bedeutung beim Wiederaufbau 1947—1952
Engdahl Thygesen
REMAKING THE WORLD, The Speeches of FRANK N. D. BUCHMAN, LONDON, BLANDFORD PRESS, 1961
https://archive.org/details/in.ernet.dli.2015.149506
Caspar Schrenck-Notzing: Charakterwäsche, Die amerikanische Besatzung in
Deutschland und ihre Folgen, Seewald Verlag, Stuttgart, 1965
https://archive.org/details/charakterwaesche
Biographie "Frank Buchman – A life" von Garth Lean, Verlag Constable & Company,
Großbritannien, 1985.
DER SPIEGEL 42/1954:
https://www.spiegel.de/spiegel/print/index-1954-42.html
"Der Wandel der Moralischen Aufrüstung zwischen Oxfordgruppe und Sing-Out-Bewegung im Spiegel ihrer Filme". Wissenschaftliche Hausarbeit zur Erlangung des akademischen Grades eines Magister Artium der Universität Hamburg vorgelegt von Maike Majewski aus Tübingen, Hamburg 2005
https://www.ardmediathek.de/video/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzExOTIyMDM
https://www.youtube.com/watch?v=6Y1huumrhEM
https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/zeitzeichen/frank-buchman-prediger-100.html
Letzte Änderung: 29.03.2026
Seite im pdf-Format: Link
Besucher seit 29.03.2026: 0000016
Online: 1