Warum Freudenstadt nie als "neue Hauptstadt" gedacht war

 

Auch wenn in Freudenstadt ein Schloss gebaut worden wäre, hätte dies nicht zu einer neuen "Residenz" gereicht!

 

 

Man könnte es kurz machen und formulieren:

 

Der "gedachte Plan" eines Schlosses mitten auf dem Marktplatz in Freudenstadt reicht nicht aus um damit die vermutete Absicht des Herzogs zu begründen, er habe eine "neue Hauptstadt" für ein "Groß-Fürstentum" von Mömpelgard bis Württemberg geplant.

 

Es wurde auch zuweilen von der fast vollständigen Anzahl der Wappenbildern an der Decke der Freudenstädter Kirche die Absicht Friedrichs abgeleitet, mit der Gründung von Freudenstadt eine neuen "Mittelpunktresidenz" zu einem neuen "Zwischenreich" im Blick gehabt zu haben.

Dabei wurde aber der Gedanke, dass die Wappendecke "nur" der Selbstpräsentation des Stifters und seines "Machtbereiches" dienen sollte, völlig außen vor gelassen. Im Zusammenhang mit dem Selbstverständnis seiner Herrschaft (im Sinne Bodins) ist dieser Gedanke aber sehr wohl berechtigt!

 

In den bisherigen Abschnitten dieser homepage wurde schon darauf hingewiesen, dass...

 

- 1. es nicht möglich gewesen wäre, zu Lebzeiten Friedrichs das Schloss zu bauen und zu vollenden,

- 2. jegliche Infrastruktur für eine gedachte Hauptstadt fehlte,

- 3. seit 1603 keine Absichten des Herzogs sichtbar geworden sind, Freudenstadt noch eine "größere Bestimmung" zu verleihen,

- 4. alle Voraussetzungen für ein höfisches Leben erst hätten geschaffen werden müssen,

- 5. in der Zeit von 1600 bis 1608 am Ausbau im Mömpelgard und Stuttgart fleißig gearbeitet wurde!

 

Jeder einzelne Punkt begründet für sich allein schon, dass es völlig unsinnig ist, Freudenstadt als gedachte Hauptstadt zu deklarieren. Selbst wenn es über den Straßburger Bischofskrieg gelungen wäre, eine Landbrücke zwischen Württemberg und Mömpelgard zu schaffen, hätte Freudenstadt sich niemals als Hauptstadt in der Mitte etablieren können. Auch dann nicht, wenn in Freudenstadt das Schloss gebaut worden wäre!

Plan Als neue Hauptstadt hätte es neue und bessere Strukturen für einen fürstlichen Hof entwickeln müssen, als die schon bestehenden in Stuttgart. Genau dies ist und war aber bei genauerer Betrachtung völlig unmöglich.

Das erste und größte Hindernis ergibt sich allein  schon aus der geografischen Lage im und am Wald und einer begrenzten Hochfläche. Schon beim ersten Aufbau tauchten zahlreiche Schwierigkeiten durch die Bodenbeschaffenheit auf. Eine flächenmäßige Ausweitung stieß von Beginn an auf allergrößte Mühen.

Hinzu kommen die unzureichenden Möglichkeiten der landwirtschaftlichen Nutzung der Umgebung. Außerdem machen die klimatischen Verhältnisse rund um Freudenstadt da nicht mit. Man denke nur zum Vergleich an den Weinbau rund um Stuttgart. Allein diese Betrachtungen sprechen gegen den Gedanken an eine "neue Großstadt".

Auch das in Stuttgart zelebrierte Hofleben hätte nicht nach Freudenstadt "verlagert" werden können. Dabei sehen wir einmal davon ab, dass der "Hof" mit Sicherheit dabei nicht mitgemacht hätte. Um dies zu verstehen, lohnt es sich, das bestehende "Hofleben" in Stuttgart und seine Grundlagen dafür einmal genauer anzuschauen.

Wenn wir uns den Plan des um 1600 bestehenden Hof-Areals genauer betrachten, erkennen wir schon an der flächenmäßigen Ausdehnung, dass im Schwarzwald niemals etwas Vergleichbares hätte enstehen können. (Bild 1 - links)

Schauen wir von links nach rechts: Harnisch-Haus, Altes Schloss, Kirche, Neuer Bau, Lusthaus und Lustgarten mit all ihren Details und den Wirtschaftsgebäuden, hätte man niemals so einfach aufgegeben, zumal ihre Enstehungsgeschichten eng mit der fürstlichen Familiengeschichte verknüpft waren.

Das ganze Areal, angegliedert an die eigentliche Stadt Stuttgart mit ihren ca.10 000 Einwohnern, umfasste ungefähr 410 x 170 Meter. Das Lusthaus allein hatte schon eine Grundfläche von 70 x 25 Metern.

Oberst N. v. Pfister gibt uns in seinem "Lebensbild von Herzog Magnus" einen kleinen Einblick in das "Hofleben" dieser Zeit: (2, Seite 4 ff)  - Er stützt sich dabei auf Unterlagen und Beschreibungen von Karl Pfaff - siehe (1).Merian

 

Ein reges Leben mag sich damals im Schloss zu Stuttgart entfaltet haben, das mit seinen Nebenbauten und den Gärten ganz besonders geeignet war, zum Tummelplatz (für Magnus) zu dienen. Da ließen sich trotz der strengen, etwas pedantischen Zucht die großartigsten Entdeckungsreisen machen in den alten und neuen Türmen des Schlosses selbst, in den Irrgängen des Lustgartens, in den Grotten des Lusthauses, in den Rennbahnen und in dem wundersamen Pomeranzengarten. (Bild 2 - rechts)

Eine Stadt für sich bildete beinahe die herzogliche Hofhaltung mit ihren gewaltigen Bauwerken, ihren Gärten und sonstigem Zubehör, den hohen und niederen Bediensteten und Handwerkern. Herzog Christof hatte begonnen, aus der alten Burg der Grafen und Herzöge ein stattliches Schloss zu bauen, wie es im Wesentlichen als Altes Schloss heute noch besteht. Der Bau dauerte bis zum Jahre 1570... (Bild 4 - rechts)

Im Mittelstocke befand sich die Wohnung des Fürsten mit dem Rittersaal. Es war dieser Saal der wichtigste Teil des Schlosses; hier erschien seit den ältesten Zeiten die Landschaft, hier wurden die Deputationen empfangen; Festtafel wurde hier gehalten und Hochzeit gefeiert. Die meisten seiner Resolutionen datierte Herzog Christof aus der Ritterstube. Hier wurde auch die fürstliche oder Marschallstafel gehalten für die höheren Beamten und Bediensteten bei Hof. Es waren ihrer bei nahe 200, die täglich bei Hof an der Marschallstafel speisten.

Landtafel

Dazu kam das niedere Personal, 323 Personen, die täglich ihre drei Mahlzeiten, Morgensuppe, Mittags- und Abendimbiss , unten in der Türnitz* einnahmen. Es wird erzählt, wie schwer es oft für den Burgvogt und den Saalmeister gewesen sei, unter dem niederen Volk in der Türnitz einigermaßen Ruhe zu halten, wie sie oft fast verzweifelt seien über all dem Lärm und Streit der Essenden und nicht minder Zechenden; denn jeder erhielt 2-3 Schoppen Wein, der Edeljunge sogar eine Maas. In der Regel speiste Herzog Friedrich 513 Personen bei Hof; sie alle waren des Fürsten Hausgenossen. Die meisten kleidete er auch und waffnete sie.

Zu Zeiten aber war die Zahl der Gäste, die sich eben falls als Hausgenossen betrachteten, noch weit größer, wenn die Landstände eintrafen oder die in Dienstgeschäften anwesenden Vögte und Amtleute.

So kann denn auch die Weitläufigkeit der Hofbäckerei und Hofmetzgerei lauter Anbauten am Schloss-, der Küchen und Keller nicht wundern ; zahllose von Wasser getriebene Bratspieße drehten sich täglich und 30 Köche und Jungen warteten ihres Amtes.

Besondere Gewölbe und Hallen aber bargen die Vorräte für Kleidung und Rüstung des Hofgesindes.

Der zweite Stock des Schlosses, „das Frauenzimmer" , war die eigentliche Wohnung der herzoglichen Familie. „Stuben und Kammern sind gar heimlich und still. Da pflegt man zu sticken, zu wirken und zu nähen." Es wird hier der Herzogin Gemach genannt, der Fräulein Gemach, die Jungfrauenstube, die Kinder und Schulstube und der Herzogin Schneiderei.

 

Der nördliche Flügel des Schlosses enthielt den für besondere Festlichkeiten vorbehaltenen Tanzsaal; zahlreiche Gemächer befanden sich hauptsächlich im südlichen Flügel...

 

Der Haupteingang aber öffnete sich an der nördlichen Seite, wo das Tor von Herzog Friedrich 1599 mit Pfeilern von 24 Fuß Höhe und amerikanischen Figuren geschmückt wurde. Hier hielten die Trabanten Wache, mit Hellebarden bewaffnet. Am westlichen Tore kamen täglich die Überreste des Hofessens an Arme zur Verteilung.


Auf der nördlichen Seite stieß an das Schloss der Lustgarten, der bis ziemlich weit in die jetzigen oberen Anlagen hinabreichte. Dieses Gartens größte Zierde war das weitberühmte neue Lusthaus (jetzt Theater), erbaut durch Herzog Ludwig, den Vorgänger des Herzogs Friedrich in der Regierung.

AltesSchlossEin kunstreiches Hängewerk trug den großartigen Saal, der einige Tausend Menschen fasste; vortreffliche Gemälde schmückten ihn. Vom Lusthaus aus konnten die Rennbahnen überschaut werden, welche zum Turnier und Ringelrennen, zum Ritterspiel dienten und bei besonderen Festlichkeiten Raum boten, um großartige Feuerwerke abzubrennen und um phantastische Aufzüge und mythologische „Inventionen" im Geiste der damaligen Zeit vorzuführen.

Weitere Wunder boten die exotischen Bäume und Blumen im Pomeranzengarten und insbesondere in der Lustgrotte. Da waren in Nischen allerhand künstliche Vögel, die durch den Druck des Wassers wie natürliche sangen, Männer, die auf Waldhörnern bliesen, eine Wasserorgel und Anderes. Ausgeworfene Wasser bildeten überall wunderbare Figuren, Blumen, Regen, Regen bogen, Nebel und dienten zum Abkühlen uneingeweihter Spaziergänger. Für die Maschinerie sorgte ein Grottier.

Zu diesen Prachtbauten fügte Herzog Friedrich noch den Neuen Bau hinzu, ein nach italienischen Mustern in den schönsten Verhältnissen erstelltes Gebäude, das südlich vom Schloss in den Jahren 1599-1609 erstand. Es ist dieser Bau im Jahr 1757 durch Feuer teilweise zerstört und später niedergerissen worden.
Siehe Landtafel (Bild 3 - links)
Zwischen den großen Bauten erhoben sich die kleineren: Schießhäuser für Armbrust- und Büchsen schießen, die Falkenmeisterei, das Viehhaus, die Hundeställe und andere Baulichkeiten.

 

An das Schloss selbst lehnte sich die ummauerte Stadt an, welche damals 10000 Einwohner zählen mochte."

 

Diese Schilderung macht es überdeutlich: Ein Hofleben solcher Art ist nicht übertragbar auf eine neue "gedachte Residenzstadt" ! Dies wäre nur möglich, wenn das Umfeld, die Infrastruktur und die notwendige Anzahl von Ortsansässigen erwartbar gewesen wären. Also dachte auch Herzog Friedrich niemals daran, die bisherige Hauptstadt Stuttgart oder gar Mömpelgard aufzugeben. Nicht von ungefähr entstand der Neue Bau genau zwischen 1599 und 1609 !

Somit bleibt nur die eine Schlussfolgerung:

Mit der Gründung von Freudenstadt hatte Herzog Friedrich im Sinn eine neue, zunächst "persönliche", Stadt und damit eine neue Geldquelle zu schaffen. Jedoch ist zu keinem Zeitpunkt zu erkennen, dass er eine neue "Residenz" als Mittelpunkt eines erweiterteten Fürstentums im Blick gehabt hätte.

Dieser nicht belegte Gedanke ergibt sich allein aus der geografischen Lage von Freudenstadt in der ungefähren Mitte zwischen Mömpelgard und Stuttgart.

 



Türnitz*

Türnitz ist slawischen Ursprungs und bedeutet: Schwer zugänglicher, abgeschiedener Ort!  -

Historisch gesehen war die (heute) "Dürnitz" bereits im Mittelalter das soziale Zentrum eines Schlosses.

Dürnitz – nannte man damals ein zu einem besonderen Gebrauch bestimmtes Gemach, meist eine beheizbare Stube oder ein Speise-/Gastzimmer.

 


 

Quellen:


(1)

Geschichte der Stadt Stuttgart, nach Archival-Urkunden und andern bewährten Quellen.

Dargestellt von Dr. Karl Pfaff, Konrektor am Pädagogium zu Eflingen, Mitglied des württembergischen Vereins für Vaterlandskunde und der Gesellschaft zur Beförderung der Geschichtskunde zu Freiburg im Breisgau. Erster Theil. Geschichte der Stadt von den ältesten Zeiten bis zum Jahre 1650, Stuttgart. Verlag der C. A. Sonnewald'schen Buchhandlung. 1845

 

(2)

Herzog Magnus von Württemberg.

Ein Lebensbild aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts. Von Oberst N. v. Pfister,  Stuttgart. Verlag von W. Kohlhammer 1891.

https://books.google.de/books/about/Herzog_Magnus_von_W%C3%BCrttemberg.html?id=FNUuropQ7UQC&redir_esc=y

 

Bilder:

Merian - Lustgarten: Wikimedia Commons

Stuttgart - Altes Schloss - 1557:

https://www.wikiwand.com/de/articles/Altes_Schloss_Stuttgart

Landtafel:

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Stuttgart_Lusthaus_Landtafel_1589.jpg?uselang=de

 


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Letzte Änderung: 20.11.2025

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